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SHG Bipolar-SaarPfalz 30 Jahre PSP / Rede Lernort Selbsthilfe / DGBS Bildergalerie
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Eines vorneweg: Freiburg war in vielerlei Hinsicht ein „Sommermärchen“. Bei traumhaftem Wetter fand sich am Mittag des 16. Juli eine Gruppe von 17 Menschen zusammen, die - bis auf eine Supervisorin - alles Bipolar Betroffene waren. In einem hellen Tagungsraum mit Panoramafenster, suchten die zehn Teilnehmer/-innen sich einen Platz, versorgten sich mit Getränken und warteten gespannt auf das Programm, von dem im Vorfeld wenig bekannt war. Alle Teilnehmer/-innen leiten Selbsthilfegruppen für Bipolar Betroffene bzw. gemischte Gruppen für Betroffene und Angehörige. Dennoch ist es ein sehr gemischtes Grüppchen, mehrere Generationen übergreifend (Mitte 20 bis Mitte 60), vom „hohen Norden“ bis zum „Schwabenland“ stammend. Unsere Referent/-innen (fünf Männer, eine Frau) begrüßen uns herzlich und nach einer kurzen Vorstellungsrunde steigen wir direkt in die Themen ein. Mithilfe von Powerpoint-Präsentationen vermitteln uns die ReferentInnen in verschiedenen Modulen die entscheidenden Inhalte. Was zunächst abstrakt klingt – „Modul 1 – „Die Bipolare Störung – Wissen zur Erkrankung und zur Bewältigung“ – wird praxisnah und mithilfe verschiedenster Übungs- und Sozialformen (Partnerarbeit, Klein- oder Großgruppenarbeit) umgesetzt. Siegrun Schreiber und Martin Kolbe führen souverän durch dieses umfangreiche und vielfältige Modul. Die Arbeitsatmosphäre ist dabei von Anfang an sehr entspannt und wir sind alle motiviert, Neues auszuprobieren und zielorientiert zu arbeiten. Schnell wird klar, dass WIR v.a. eine wichtige Wissensquelle sind und wir uns auf unser „Erfahrungswissen“ verlassen können. In jeder Selbsthilfegruppe ist ein großes, „kollektives Wissen“ zur Erkrankung vorhanden und dies gilt es v.a. zu stärken bzw. auszubauen. In Modul 1 werden zunächst Definitionen von Bipolar I und II wiederholt, wir diskutieren die „multifaktoriellen Ursachen“ der Erkrankung und werden in die neue „S-3-Leitlinie“ eingeführt, die den „Profis“ (Ärzten, Therapeuten) zur Hand gegeben wird, und bei der erstmals Betroffene, Selbsthilfegruppen und Angehörige mitarbeiteten (mehr Information: http://www.leitlinie-bipolar.de.) Unterteilt in mehrere Arbeitsgruppen sammeln wir Symptome von Depression und Manie und stellen schnell fest, dass v.a. der„Schlaf- und Wachrhythmus“ sehr genau beobachtet werden sollte. Die Endergebnisse unserer Gruppenarbeit präsentieren wir in Form von Collagen. Jede Gruppe hat die Freiheit ihre ganz individuelle Darstellung zu wählen.Im Anschluss diskutieren wir Gründe für Therapieabbrüche, die Bedeutsamkeit der „Psychoedukation“ (Unterstützung im Verbessern des Selbstmanagements der Patienten, z.B. durch das Erkennen eigener Frühwarnzeichen) und die Pharmako-Therapie, die grundsätzlich individuell ist. In den Seminarpausen gehen die Diskussionen und Gespräche weiter. Manche fragen: „Welche Medikamente nimmst du denn?“ und es kommt zu einer lebhaften Diskussion über Sinn bzw. Unsinn solcher Fragen, denn jeder Mensch ist ein Individuum mit eigenen körperlichen und seelischen Voraussetzungen und – so ist am Ende der Tenor – man sollte hier auf die „Compliance“ (gute Zusammenarbeit) mit seinem Arzt bzw. seiner Ärztin vertrauen. Für mich sehr erstaunlich war die Tatsache, wie schnell wir eine tragfähige Gruppe wurden und wie offen wir von Anfang an miteinander umgehen. Allerdings bedeutet das nicht, dass nicht auch wir das ein oder andere „gruppendynamische Problem“ zu lösen hatten. Aber unsere Seminarleiter/-innen haben auch das geschafft. Gut so! Am nächsten Tag beschäftigten wir uns mit günstigen Faktoren, um mit einer Bipolaren Störung zu leben. Übereinstimmend wurden soziale Kontakte, Hobbys, Selbsthilfegruppen, aber auch z.B. die Teilnahme an Psychoseseminaren (www.trialog-psychoseseminar.de) als hilfreich genannt. Das Ziel bleibt die Genesung/Gesundung („Recovery“) und ein stabiles „Selbstmanagement“, wobei wir hierfür vielfältige Unterstützung von Angehörigen, Freunden und Ärzten und Therapeuten hinzuziehen sollten. Als praktische Hilfsmittel können Wochenpläne oder Stimmungskalender dienen, aber auch ein „Krisenpass“ kann die Zeiten im Krankenhaus verkürzen bzw. überflüssig machen. Leider ist noch nicht für alle Bipolar Erkrankte der Weg zur Genesung geebnet. In vielen Gebieten Deutschlands fehlen Schwerpunktkliniken und Institutsambulanzen. Auch Hausärzte sind häufig unzureichend informiert über das Krankheitsbild und die Diagnose wird teilweise „verschleppt“ bzw. es kommt zu Fehldiagnosen. Ebenso ist die Wertschätzung des so wichtigen „TRIALOG“ noch lange nicht in jeder Klinik angekommen. Gerade dies, das Zusammenwirken von Betroffenen, Angehörigen und Profis auf „Augenhöhe“, ist von zentraler Bedeutung für eine anhaltende Genesung der Patienten und Patientinnen. Dafür „kämpft“ die DGBS an vielen Stellen, z.B. als Mitglied der „BAG-Selbsthilfe“ oder als Mitglied im „Aktionsbündnis Seelische Gesundheit“. Die DGBS steht und fällt mit ihren Mitgliedern. Je mehr Mitglieder, je mehr wird sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Nach sehr produktiven Arbeitsphasen freuten wir uns immer wieder auf die gute Versorgung durch das Caritas-Team. Sei es in den „süßen Kaffeepausen“, beim leckeren Abendessen oder beim Frühstücksbüffet  – man kam stets gut gestärkt und voller Energie zurück. Die erholsamen Abendstunden verbrachten wir in gemütlichen Clubsesseln im Freien, mit einem herrlichen Blick von der Terrasse über Freiburg bis zu den Vogesen. Ein Sommermärchen. Einige unternahmen auch einen abendlichen Abstecher in die Altstadt und genossen dort in diversen Biergärten und Eiscafés eine willkommene „Abkühlung“. Die erste Nacht konnte man – eine kleine Anekdote – mit einem ganz besonderen „Kissen“ verbringen. „Freiburgs erste Kissenbar“ stellte uns optimale Kissenvarianten für Bauch-, Seiten- und Rückenschläfer zur Verfügung und auch Trauben- und Kirschkernkissen konnten gewählt werden. Eine nette Idee, die der Regeneration durchaus zuträglich war. Gut erholt widmeten wir uns am Mittwoch, den 17.7.13,  dem Modul 2 – „Selbstverständnis/Identität der DGBS“ (Dietmar Geissler). Wir erfahren von der Gründung der DGBS im Jahr 1999, zunächst von Ärzten und Therapeuten, aber schon ab 2000 zeichnet sich die DGBS dadurch aus, dass sie als einzige Selbsthilfeorganisation trialogisch arbeitet. Hauptziele sind das Beraten und Unterstützen von Betroffenen und Angehörigen, das gesellschaftspolitische Eintreten für Anliegen ihrer Mitglieder, die Förderung von wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit der Bipolaren Störung und Aufklärungsarbeit. Immer im Blick dabei: der Trialog. In Gruppenarbeit versuchen wir uns an der visuellen Darstellung dieses Trialogs und es entstehen ganz unterschiedliche Bilder und Zeichnungen, überzeugend v.a. das „Schnittmengen-Modell“. Wie kommuniziert man in der DGBS? Vor allem die Jahrestagung wird uns „ans Herz gelegt“, aber auch die Arbeitskreise und die Website mit dem „Bipolar Forum“ und die Veröffentlichungen im Newsletter bzw. in der Mitgliederzeitschrift „In Balance“. Schließlich informiert uns Dietmar Geissler umfassend über die verschiedenen Aufgaben des Selbsthilfenetzwerks, z.B. in Form des Servicetelefons, der Zusammenarbeit mit Kontaktstellen oder auch dem Trainingsangebot „Lernort Selbsthilfe“. Immer wieder unterbricht Dietmar Geissler seine Fakten mit interessanten Cartoons oder Übungen zum Perspektivwechsel (aus der Wahrnehmungspsychologie entliehen), somit wurden auch die Zahlen und Fakten zur DGBS nicht langweilig für uns! In Kleingruppen beschäftigten wir uns anhand von Arbeitsblättern abschließend mit den Stärken und Schwächen der DGBS und ihren Spannungsfeldern, z.B. zwischen Stabilität und Veränderung oder zwischen Laienpotenzial und Professionalität/Fachlichkeit. Dabei versteht sich die DGBS „[...] als Ergänzung zur medizinischen Versorgung, nicht als Ersatz und sie kann auch keine Diagnose oder Therapieempfehlungen aussprechen [...]“. Am Mittwochabend gab es, auf vielfachen Wunsch der TeilnehmerInnen, von den in Freiburg anwesenden Administratoren des „Bipolar Forum“ eine Einführung in das Internetangebot der DGBS, das von sehr vielen Menschen genutzt wird. T. erklärt uns Schritt für Schritt, wie man sich einen Überblick zu einer Thematik verschaffen kann, wie man sich anmeldet und wie man interessante Diskussionsthemen „abonnieren“ kann. Diese spontane Zusatzveranstaltung der beiden „Admins“ (interessantes Wort...) kam sehr gut an und dass wir dafür – fast vollzählig - um 19.30 Uhr noch einmal in den Tagungsraum kamen, nach einem mehr als 6-stündigem Fortbildungstag, spricht für die Qualität der Einführung. Wahrscheinlich habe nicht nur ich, sondern mittlerweile auch noch einige andere endlich einmal im Internetforum „gestöbert“. Danke an T. und M.! Im dritten und letzten Modul beschäftigten wir uns mit der Thematik „Gruppenarbeit und Selbstfürsorge“. H.-P. und H.W. führen gemeinsam durch dieses Modul. Nach einer Diskussion über die Bedeutung der Gruppen für Betroffene, Angehörige und die DGBS widmen wir uns einer Fallarbeit. Die Situation: „Karl, ein langjähriges Gruppenmitglied, kommt zum Gruppentreffen und befindet sich ganz offensichtlich in einer manischen Phase. Sie sind Teil des Gruppenleitungsteams. Wie reagieren Sie?“. Ganz schnell erklärten sich zwei Teilnehmer bereit, dieses „Rollenspiel“ durchzuführen. Es war für uns als Zuschauer/-innen und für die beiden Akteure hoch interessant, die Gesprächsführung und –dynamik zu beobachten bzw. zu erleben. An dieser Stelle wünschten sich die Beteiligten und auch wir Zuschauer noch mehr solche Übungen. Ich glaube, dass es gerade diese Fallarbeit ist, der man in diesem Basisseminar noch mehr Raum geben sollte, denn durch eigenes Erleben und Reflektieren mit der Gruppe kann man sehr wertvolle Strategien zum Umgang mit schwierigen Situationen in der Gruppe erhalten, v.a. alternative Blickwinkel werden im Gespräch eröffnet. Das theoretische Wissen über Gesprächsführung (z.B. „in der Ich-Form formulieren“ oder „Bewertungen vermeiden“) ist das Eine, das Wichtige ist aber direkt in der Situation adäquat zu agieren/reagieren und dafür brauchen wir alle immer wieder Praxis und Feedback! Das wäre mein wichtigster Wunsch für eine „Neuauflage“ der Module. Mithilfe des „Eisbergmodells“ erklärten H-P. und H.W. Gruppenprozesse, z.B. das unterschwellige Entstehen von Konflikten. Anhand lustiger „Team-Fotos“  (von der Schaf-Herde bis zum Ruder-Team) wurde die Bedeutsamkeit und Brisanz der „Führungsrolle“ diskutiert. Wichtig für mich war v.a. die Erkenntnis, dass ich nicht alles alleine machen muss. Stellvertreter-Teams können entlasten oder auch eine abwechselnde Moderation kann eine Alternative sein, um Überlastung als Gruppenleiter/-in zu verhindern. Denn darin waren wir uns alle einig: Die Anzahl und Vielfalt der Gruppenleiter-Aufgaben ist immens hoch. Die Aufgaben reichen von Mittelbeschaffung bei Krankenkassen, über Gestaltung der Treffen bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit. Leider fiel die hier eingeplante Fallarbeit dem Zeitplan zum Opfer. Dass ich mich als Leiterin von Anfang an mit der Frage meines potenziellen Nachfolgers bzw. meiner potenziellen Nachfolgerin beschäftigen soll, fand ich zunächst nicht überzeugend, scheint aber in Gruppen mit einem hohen Altersdurchschnitt relevant zu sein. Überraschend schnell einigte sich unsere Gruppe auf Antworten zur Frage: „Was braucht eine Gruppe?“. Werte wie Respekt, Toleranz, Verlässlichkeit, aber auch klare Spielregeln prägen alle Gruppen. Schweigepflicht ist überall oberstes Gebot. Kurz gingen wir auf die Angehörigengruppen ein. Schade, dass unter den Referenten kein/e Angehörige/r war, denn diese Sichtweise wäre für uns Betroffene auch interessant gewesen. Vielleicht ändert sich dies bald, wenn auf der Jahrestagung in Greifswald im September ein Arbeitskreis für Angehörige gegründet werden soll. Aber auch hier hatten wir die Möglichkeit von informellen Gesprächen zu profitieren, denn am Mittwochabend fand sich eine Angehörige aus Freiburg ein, die ganz offen mit einigen von uns diskutierte. Für mich kam nun ein ganz wichtiger Teil: „Was kann mich – als Gruppenleiterin – ins Ungleichgewicht bringen?“. Die sechs „Antreiber“ deswegen wörtlich: „Sei perfekt! Mach’ schnell! Sei stark! Mach’ es allen recht! Streng Dich an! Mach’ alles allein!“ – Ich denke, dass allen LeserInnen klar ist, wie gefährlich diese „Antreiber“ für unser seelisches Gleichgewicht als Bipolare sind.  Vor allem vor der Perfektionismusfalle sollten wir uns als GruppenleiterInnen in Acht nehmen. Eine „Qualitäts-Checkliste“ für Selbsthilfegruppen haben wir gemeinsam erarbeitet und H.-P. und H.W. haben uns gegen Ende als Teams noch einmal ordentlich gefordert, sollten wir doch in zwei konkurrierenden Gruppen aus den unmöglichsten Materialien (Toilettenpapier, Strohhalme, Papier, Tesafilm, etc.) eine tragfähige „Brücke“ bauen. Das Schlussbild waren zwei sehr unterschiedliche, aber auch tragfähige Brücken als Sinnbild für die Tragkraft von Selbsthilfegruppen. Das Seminar „Lernort Selbsthilfe für Bipolar Betroffene“ fand nach eineinhalbjähriger Vorlaufphase - mit vielen Treffen zwischen den Referenten und der Personal- und Organisationsentwicklerin Eva Kirchner – im Juli 2013 zum ersten Mal statt. Also: Premiere! Mein Fazit zu dieser Premiere: Die Fortbildung war sowohl inhaltlich wie methodisch gelungen! Ich denke ich spreche hier für die Mehrheit der Fortbildungsteilnehmer, wenn ich Euch, liebe Siegrun, lieber Martin, lieber Dietmar, lieber H.-P., lieber H.-W., lieber H.-W. W., ein großes DANKESCHÖN ausspreche. Danke für euren EHRENAMTLICHEN Einsatz, Euer Engagement, Euer Einfühlungsvermögen und Eure große Professionalität bei der erstmaligen Durchführung des umfangreichen Programms. Wir durften Euch in Freiburg schon Feedback geben (schriftlich und mündlich), aber es gibt nicht viel zu kritisieren. Den Wunsch nach noch mehr Fallarbeit und Rollenspielen habe ich bereits ausgedrückt und mein persönliches Anliegen wäre noch die Vermeidung von unnötigen, englischsprachigen Begriffen wie „recovery“. Wir wollen ja am Ende doch alle „genesen“ und „gesunden“ und weniger „recovern“ (ein schrecklicher Anglizismus  ). Hoffentlich gibt es nächstes Jahr ein Aufbauseminar, denn Themen wie Öffentlichkeitsarbeit und rechtliche Formalien u.ä. wären eine wünschenswerte Ergänzung zu den drei Basismodulen. Außerdem wäre es DIE Gelegenheit noch weitere Winkel der wunderbaren Altstadt in Freiburg zu erkunden. Vielleicht auch bei einem gemeinsamen Abendprogramm? Tina

„Lernort Selbsthilfe“

– Basisseminar für Selbsthilfegruppenleiter/-innen

 der DGBS in Freiburg vom 16.7.13-18.7.13

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